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Günderrode, Der Kuss im Traume

Karoline von Günderrode, "Der Kuss im Traume"


    Karoline von Günderrode

    Der Kuss im Traume

I    Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht,
    Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten.
    Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten,
    Dass neue Wonnen meine Lippe saugt.

II    In Träume war solch Leben eingetaucht,
    Drum leb' ich, ewig Träume zu betrachten,
    Kann aller andern Freuden Glanz verachten,
    Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht.

III    Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,
    Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen
    Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.

IV    Drum birg dich Aug' dem Glanze irrd'scher Sonnen!    [Lethe: Fluss in der Unter-
    Hüll' dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen        welt der Griechen, aus dem
    Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluthen.        die Toten Vergessen trinken]

1802

Interpretation
Das vorliegende Text ist ein Gedicht von Karoline von Günderode aus dem Jahre 1802.
Es handelt sich um ein Sonett, also ein Gedicht aus zwei vierzeiligen Strophen (Quartetten) und zwei dreiteiligen Strophen (Terzetten). Die beiden Quartette bilden einen identischen umarmen Reim (abba, abba), die Terzette haben das Reimschema cde, cde.  Das Versmaß ist ein fünfhebiger Jambus.
Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht,
-  !   -   !    -   ! -   !  - !

Zu Beginn der Interpretation werden die wichtigsten allgemeinen Angaben zum Gedicht gemacht: Verfasser, Entstehungszeit, Art des Textes, Strophenstruktur, Reim und Rhyth-mus. Man hätte hier noch auf das Thema eingehen können, nämlich den Rückzug in eine nächtliche Traumwelt.

Was den Inhalt angeht, so beginnt das Gedicht mit einer Situationsbeschreibung, in der die Sprecherin deutlich macht, dass sie ein besonderes Erlebnis gehabt hat, das mit inniger Nähe zu tun hat und ihrem Leben Auftrieb gegeben hat. Die zweite Zeile macht dann deutlich, wie notwendig dieses Erlebnis war, denn davor hatte sie eine tiefe Sehnsucht, hier als" tiefstes Schmachten" (2) bezeichnet. Spätestens hier hat man zumindest als moderner Leser zum ers-ten Mal den Eindruck, dass die Wortwahl in diesem Gedicht nicht immer ganz geglückt ist.

Wichtig ist hier, dass der Text nicht einfach mit eigenen Worten wiedergegeben wird, sondern wirklich gesagt, wird, was da eigentlich präsentiert wird, nämlich in diesem Falle eine „Situationsbeschreibung“. Außerdem werden die Zusammenhänge zwischen den Aussagen der verschiedenen Zeilen herausgearbeitet. Ob im Zusammenhang der Vorstellung des In-halts bereits auf sprachliche Mittel eingegangen und ansatzweise Kritik geübt werden soll, darüber kann man sicher streiten. Wenn es aber um die Präsentation und Verarbeitung ers-ter Eindrücke geht, die der Leser bekommt, ist es sicher gerechtfertigt und erleichtert später die Zusammenfassung.

Die Zeilen drei und vier machen dann deutlich, in welchem Umfeld es zu diesem Erlebnis gekommen ist, es war die Nacht, die dieses glückliche Geschehen verursacht hat. Dement-sprechend wird hier der Wunsch formuliert, die Dunkelheit möge wiederkommen, damit eine Wiederholung des Erlebnisses möglich wird. Übrigens ist auch hier die Wortwahl wieder et-was seltsam: „Dass neue Wonne meine Lippe saugt“ ist nicht unbedingt ein sehr geglücktes Bild. Auch das Bild des „Umnachtens“ mag bei dem einen oder anderen die Assoziation mit „umnachtet“, d.h. „nicht mehr seiner Sinne fähig“ hervorrufen.

Hier wird das fortgesetzt, was weiter oben begonnen wurde, eine wirkliche Erläuterung der inhaltlichen Elemente und ihrer Zusammenhänge sowie eine erste Prüfung der Darstellung im Gedicht.

Die zweite Strophe verallgemeinert das besondere Erlebnis der ersten Strophe, indem sie deutlich macht, dass das gesamte Leben der Sprecherin durch Träume gekennzeichnet war. Ja, sie spricht sogar gar nicht mehr ausdrücklich von ihrem eigenen Leben: „Solch Leben“ klingt sehr distanziert.

Wichtig ist hier der Hinweis auf die Verallgemeinerung – der zeigt wieder, dass die Ent-wicklung im Gedicht gesehen und auch präzise bezeichnet wird.

Damit ist aber zugleich auch klar, dass es sich nicht um ein wirkliches Erlebnis gehandelt hat, sondern nur um eins, das man sich vorgestellt hat. Die Konsequenz daraus ist auf jeden Fall die zweite Zeile der zweiten Strophe, nämlich die Bereitschaft, sich immer den Träumen hin-zugeben. Diese haben für die Sprecherin eine so große Bedeutung, dass sie auf alles andere verzichten mag und kann. Übrigens taucht auch hier eine übertrieben wirkende Formulierung auf, denn die Vorstellung, dass „die Nacht so süßen Balsam haucht“ ist wohl eindeutig jen-seits der Grenzlinie, bei der die meisten Leser bewundernd innehalten. Nichts gegen die Vor-stellung, dass es wohltuenden Mundgeruch gibt – aber hier ist es wohl ein bisschen zuviel der Süße.

Hier geht die Interpretation so weit, ein sprachliches Bild ganz praktisch zu verstehen – das ist insofern nicht nur gerechtfertigt, sondern wohl auch hilfreich, weil damit gewisse Mängel des Gedichts besonders deutlich werden.

Die dritte Strophe verallgemeinert dann noch einmal mehr und macht deutlich, dass der Tag, also die helle Seite des Lebens, grundsätzlich wenig an wirklich Schönem zu bieten hat. Er löst bei der Sprecherin eher Schmerzen aus, ja bedroht sie sogar. Sie ist ganz eindeutig nacht-orientiert, was ja sehr stark zur Romantik passt.

Hier wird erstmals auf literaturgeschichtliche Bezüge hingewiesen – darauf wird später noch genauer eingegangen – aber hier werden schon mal erste Akzente gesetzt.

Die vierte Strophe zeigt dann die endgültige Konsequenz daraus, nämlich die Aufforderung an sich selbst, sich von dem hellen "Glanze ird’scher Sonnen“ fernzuhalten, wobei nicht ganz klar ist, was das Attribut hier bedeutet. Wendet sich die Sprecherin nur gegen die uns bekann-te und für uns „zuständige“ Sonne – oder meint sie es, da sie im Plural spricht, metaphorisch? Vielleicht sind damit auch Menschen gemeint, die im Licht stehen und Küsse nicht nur im Dunkeln fantasieren müssen.

Gut ist hier, dass eine Unklarheit deutlich formuliert und – soweit möglich – auch beseitigt wird.

Auf jeden Fall appelliert sie am Ende noch einmal an sich selbst, erinnert sich gewissermaßen daran, dass sie sich ganz der Nacht zuwenden soll, sich von ihr sogar umhüllen, also auch schützen lassen soll. Noch einmal werden die beiden entscheidenden Wirkungen der Nacht betont: Sie stillt das Verlangen – was hier aber – im Gegensatz zu den ersten beiden Zeilen des Gedichtes - ohne jeden aktiven Punkt präsentiert wird. Außerdem wird – wie am Ende der zweiten Strophe schon angedeutet – dabei auch der Schmerz geheilt. Es gibt hier also eine Steigerung, denn vorher war nur von Linderung die Rede.

Problematisch ist der letzte Halbsatz des Gedichtes, denn dort wird auf den Tod angespielt, was den Eindruck der Wendung ins Passive verstärkt.

Hier beginnt schon eine vertiefte Klärung der Ausrichtung des Gedichtes – in welche Richtung geht es? Was ist seine Kernaussage?

Es ist ganz deutlich, dass dieses Gedicht einen Rückzug in sich selbst, die eigenen Träume und schließlich eine Art Nichts präsentiert, sich weit entfernt von dem Ansatz von Zweisam-keit, der am Anfang durch den Kuss ausgedrückt ist.
Der Tag wird als etwas Mühsames, ja Bedrohendes angesehen, die wirklich schönen Dinge sind allenfalls in der Nacht zu haben, vieles spricht aber auch dafür, dass es sich nur um vor-gestellte Freuden handelt, also Träume, die am Ende nicht aktivieren, sondern eher ermüden. Damit bekommt das Gedicht insgesamt eine recht negative Aussage, wofür auch der Schluss spricht, nämlich die Anspielung auf den Fluss der Unterwelt, in dem die toten Seelen Verges-sen trinken, so schön können die Ergebnisse also nicht gewesen sein, dass man sie immer be-wahren möchte.

Diese beiden Absätze fassen die „Intention“, also die Zielrichtung des Gedichtes zusammen.

Das Gedicht erscheint sprachlich an einigen Stellen übertrieben, ja fast ein wenig komisch: Das beginnt bei dem „tiefsten Schmachten“, einer zumindest auf uns heutige Leser ironisch-satirisch wirkenden Beschreibung. Ziemlich daneben ist das Bild der „Umnachtung“, weil es zumindest heute ganz eindeutig mit nachlassender geistiger Fähigkeit verbunden ist, was zwar inhaltlich zum Schluss passen mag, aber die Formulierung ist wohl eher ungewollt negativ. Auf das problematische Bild am Schluss der ersten Strophe ist schon ausführlicher hingewie-sen worden, ebenso auf die Nacht mit Mundgeruch. Diese Ungeschicklichkeiten in der Wahl der Mittel überdecken das Potenzial an Schönheit, das durchaus vorhanden ist: Die personifi-zierende Beschreibung der Wirkung eines Kusses am Anfang hat schon etwas für sich – leider wird der Gedanke des Lebens nicht erneut aufgenommen oder weiter ausgebaut. Auch der Anfang der zweiten Strophe ist reizvoll – aber schon in der zweiten Zeile erfolgt wohl unge-wollt eine Distanzierung – Betrachtung ist weniger als Eingetaucht-Sein.

Die vielfältigen Hinweise zur Sprache des Gedichtes werden hier noch einmal zusammenge-fasst. Wichtig ist, dass nicht nur die negativen bzw. problematischen Punkte hervorgehoben werden, sondern auch auf „das Potenzial an Schönheit“ eingegangen wird.

Alles in allem ein Gedicht mit einer interessanten Ausgangsidee, die aber nicht konsequent entwickelt wird und im übrigen nicht sicher in den Bildern und Wendungen wirkt.
Inhaltlich und von der Darstellung passt es tendenziell zur Romantik, die ja der Liebe, der Nacht, den Träumen und der Sehnsucht einen hohen Stellenwert einräumte.

Am Ende erfolgt eine abschließende Würdigung des Gedichtes, wobei allerdings nur sehr kurz auf die literaturgeschichtlichen Bezüge eingegangen wird. Entscheidende Hinweise werden dabei aber gegeben.

Eingegangen werden könnte noch genauer auf die Sonett-Form.
In diesem Falle ist es so, dass die ersten beiden Strophe, die Quartette, eher die persönliche Situation des Lyrischen Ichs darstellen, während die Terzette am Ende sich grundsätzlich zur Bedeutung der Nacht äußern.
So ist das häufig in Sonetten: Zunächst kommt eine Situationsschilderung, dann die Auswertung.

Sehr gut vergleichen kann man das Gedicht mit „Am Turme“ von Annette von Droste-Hülshoff, wozu es ebenfalls eine transparente Interpretation gibt.
https://www.schnell-durchblicken2.de/droste-am-turme

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