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Goethes "Faust" als negativer Prototyp des modernen Menschen


Goethes "Faust" als negativer Prototyp des modernen Menschen

Das Video ist auf Youtube unter der folgenden Adresse zu finden. Die Dokumentation kann weiter unten heruntergeladen werden.
Dort präsentieren wir auch mit Erlaubnis des Autors den Text von Safranski,.

https://youtu.be/is10mwk9krQ
Wie modern ist Goethes Faust?

1.An sich schon gute Frage: Was hat so ein altes Werk mit uns zu tun?
2.Hier noch besser, denn zwei Forscher behaupten: Goethes Faust zeigte schon damals, welche Probleme wir heute bekommen würden.
3.Denn der moderne Mensch darf viel Fortschritt genießen, aber der macht auch Probleme.

Fangen wir mit Rüdiger Safranski an:
•Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie, Carl Hanser Verlag: München 2013, S. 611-613
https://www.schnell-durchblicken.de/durchblick-auch-in-deutsch/goethes-faust/safranski-goethes-faust-als-bestandteil-des-lebenswerk-goethes/
•“immanente Transzendenz”
•Faust: metaphysisches Verlangen, will das “Höchste und das Tiefste”;
•Mephisto präsentiert eine “auf Begierde reduzierte Welt”
•“Kompromiss”: Weltbemächtigung, über frühere Grenzen hinaus
•Bedeutung für heute: “faustisch”: alles ist möglich;  dem Tüchtigen ist alles erlaubt, keine moralischen Grenzen mehr
•Versuch, das Paradies auf Erden zu errichten, wurde bisher meist eine Hölle, man denke etwa an den extremen Kommunismus

Kommen wir dann zu Jaeger
•Michael Jaeger: Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart. Zur Aktualität Goethes. Königshausen & Neumann, Würzburg 2013, S. 11,22
•http://www.relevantia.de/jaeger-faust-als-global-player
•Jaeger: Fausts Handeln ist kein positives Streben, sondern eins, das andere Menschen zu Opfern macht; “Negation der ... Zivilisationsideale” Goethes (der Klassik)
•Eigentliches Unglück ist die Rastlosigkeit, Verneinung des gegenwärtig Daseienden; “Verweilen des anschauend reflektierenden Bewusstseins” wird “unmöglich”
•Jaeger sieht hier den Pakt mit Mephisto als Ausgangspunkt: Das übersieht aber, dass Mephisto selbst Faust im Prolog im Himmel schon als rastlos Strebenden vorstellt (”nicht irdisch”) und der himmlische Herr das ganz offensichtlich gut findet; Moral spielt da keine Rolle
•Bedeutung für uns heute:
•Ständige Suche nach etwas Neuem, Missachtung des Vorhandenen, Gedankenlosigkeit (Beispiel: G8/G9: so gemacht, dass man es einige Jahre später wieder rückgängig macht, niemand arbeitet das auf!)
•Gemeinsamkeit zwischen Safranski und Jaeger:
•Kritik an der Missachtung des Gegebenen
•“Himmel auf Erden”: “immanente Transzendenz”
•ohne Rücksicht auf Moral und Verluste
•Basis ist der “Blankoscheck” des “Herrn” im “Prolog im Himmel”
•Safranski-Akzent: “Weltbemächtigung” - alles erlaubt
•Jaeger-Akzent:     “Rastlosigkeit”
•beide gemeinsam sehen Goethes Faust eher als “Tragödie”

Was man sich merken sollte
1.Goethes “Faust” ist nicht nur auch heute noch bedeutsam, weil es sich um einen Klassiker handelt
2.Vielmehr steht er für ein bestimmtes Ideal des “modernen” Menschen
3.Nicht mehr wie früher: als ein positiv Strebender, der am Ende belohnt wird
4.Safranski:
1.Sondern als einer, der nach dem “Tode Gottes” selbst zu einer Art (kleiner) Gott wird und sich der gesamten Welt bemächtigen will und ein Paradies auf Erden errichten will
2.Erster Teil des Dramas: Tod von Gretchens Mutter und des Bruders, uneheliche Schwangerschaft und Kindsmord bei Gretchen, deren Wahnsinn und drohende Hinrichtung
3.Am Ende des 2. Teils des Dramas: Kolonisierung von Land für Millionen Menschen, dafür werden  Menschen geopfert, die im Wege stehen)
4.Mephisto sagt offen: will stets das Böse, schafft das Gute (im Sinne des “Herrn” - Streben)
5.Faust will das Gute und schafft auch Böses.
5.Jaeger:
1.Problem ist die Rastlosigkeit, die ständige Jagd nach Neuem
2.kein ruhiges Nachdenken mehr
3.Das ist mit Opfern verbunden und produziert Tragödien.


Text von Safranski Video-Dokumentation herunterladen

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