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Bedeutung des Rhythmus für die Interpretation


Rhythmus in Gedichten: Welche Bedeutung kann er haben?

Welche Bedeutung hat der Rhythmus eigentlich im Rahmen der Interpretation?
 
Viele Schüler fragen sich, was die äußere Form von Gedichten eigentlich wirklich für die Interpretation bedeutet - und da ist natürlich auch der Rhythmus gefragt.
Nun: Jeder merkt sofort, dass der Daktylus mit seinem Walzerrhythmus etwas Beschwingtes hat, aber es gibt darüber hinaus auch einige Gründe für Dichter, einen ganz bestimmten Rhythmus zu wählen:
 
Jost Schneider weist in seiner "Einführung in die moderne Literaturwissenschaft" aus dem Jahre 2000 (Aisthesis-Verlag, Bielefeld) auf den Seiten 85/86 auf die folgenden Möglichkeiten hin, die man im Auge behalten sollte:
 
  1. "Entsprechung von Rhythmus und Inhalt (z.B. fließende Daktylen für ein Moselgedicht"
    das entspräche dem, worauf wir oben auch schon gekommen sind.

  2. "Kontrastierung von Rhythmus und Inhalt (z.B. fließende Daktylen für ein Alpengedicht)
    Das kann man nachvollziehen, aber man hätte sich doch wohl schon mal ein etwas näherliegendes Beispiel gewünscht - am besten probiert man es gleich mal aus.
    Stellen wir uns doch einmal einen Stau auf der Autobahn vor und probieren dann die folgende Zeite:
    "Ach, Stillstand, du größtes Problem unserer Zeit
    die Autos, sie staun sich, die Menschen sind sauer
    der Staat, der zeigt wenig Barmherzigkeit
    so bleibt nur der Blick auf das Handy und Trauer..."Das kann man jetzt endlos so fortsetzen, auf jeden Fall merkt man, dass dieser Rhythmus zum Stillstand nicht passt.

  3. “Anknüpfung an Gattungstraditionen (z.B. Liebesgedicht mit der metrischen Struktur von Petrarcas berühmten Sonetten an Madonna Laura)”
    Das dürfte aber eher etwas für Germanistik-Studenten sein. Im Deutschunterricht der Schule wird man das wohl kaum vorfinden.

  4. "Sprengung von Gattungstraditionen (z.B. erotisches Gedicht mit der metrischen Struktur eines bekannten Kirchen- oder Weihnachtsliedes"
    Auch darauf wollen wir eher nicht eingehen, obwohl das manchen Schüler reizen könnte.
    Ein bisschen was davon findet man ja in Ulla Hahns "Anständiges Sonett"
    Da spielt sie zumindest mit der Sonett-Form, indem sie gewissermaßen im Ton der hohen Minne von der niederen Minne sing.
    Zu finden ist das Gedicht zum Beispiel hier:
    https://www.lyrikline.org/de/gedichte/anstaendiges-sonett-10714

  5. "Übernahme oder gezielte Vermeidung gerade modischer Versformen"
    Das liegt zum Beispiel vor, wenn Dichter des Expressionismus wie August Stramm gerade nicht die "ordentliche" Form des Gedichtes mit festem Reim und Rhythmus nehmen, der erstaunlicherweise bei aller Wildheit des Inhalts in der Epoche vorherrscht.

  6. "Beibehaltung eines persönlichen Stiles oder eingeübter Sprechweisen"
    So hat uns einer unserer Lieblingsdichter, Lars Krüsand, zum Beispiel folgendes Gedicht zur Verfügung gestellt, das einen ganz eigenen Rhythmus hat, der bei ihm immer wieder zu finden ist:
    (Bitte nicht über den Titel stolpern, da hat sich der Autor auch mal einen Scherz gegönnt, den man bei vielen seiner Kollegen findet, indem sie ganz persönliche Anspielungen einbauen, mit denen der Leser einfach fertig werden muss.)
    Weiter unten präsentieren wir eine Audio-Fassung des Gedichtes, das diesen speziellen Autoren-Rhythmus deutlich macht.
Das 34. Gesetz der Freundschaft

Erfüllung ist ein sehr kompaktes Wort
Für eine ganze Menge Leben
Wobei die Teile sich ergänzen
Und jedes seine Zeit voll nutzt.
Es gibt kein Multitasking
In den Leidenschaften
So wie auch sonst die Schritte
Schon ein Nacheinander brauchen
Und sich nicht mischen dürfen.
Man muss ganz stark
Bei sich und bei den Dingen sein
Die grade anstehn.
Und wenn dann was gelingt
Dann hat man wieder einen Stein gelegt
Auf einen anderen und das Ganze wächst
Dem Ziel zu, das sich auf dem Wege
Mehr und mehr ergibt und erst
im Rückblick dem Betrachter
seine ganze Schönheit zeigt.


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