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Kritik am Expressionismus - mit Kurz-Essay


Expressionismus - leider auch mal zwischen Ressentiment und Oberflächlichkeit

Wer sich ein wenig intensiver mit der literarischen Epoche des Expressionismus beschäftigt, der stößt sicherlich auf sehr beeindruckende Gedichte. Manchmal hat man aber auch das Gefühl, dass mehr wegen der Lust auf Äußerung (Sprich: Veröffentlichung) geschrieben wurde als wegen des inneren Drucks, was man ja eigentlich mit dem Begriff des Expressionismus verbindet.

Noch fragwürdiger aber wird es, wenn man den Eindruck hat, dass Nutznießer des Besitz- und Bildungsbürgertums etwas zu leichtfertig, um nicht zu sagen: abfällig über eine Welt schreiben, die sie kaum kennen.

Zum ersten Mal richtig deutlich geworden ist uns das bei dem berühmten Gedicht von Paul Bolt, das anscheinend bisher mehr bejubelt als aufmerksam gelesen worden ist.

Deshalb veröffentlichen wir hier eine kritische Stellungnahme, die vielleicht ganz im Sinne des Expressionismus etwas zu hart mit der Konvention und der Kunst umgeht, aber zumindest qualifizierten Widerspruch verdient.

Wenn sie Schülern hilft, auch Werke von anerkannten Dichtern immer wieder neu und auch kritisch zu lesen, dann hat dieser Beitrag sicherlich seinen Zweck erfüllt.

Paul Boldt

Auf der Terrasse des Café Josty

01: Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
02: Vergletschert alle hallenden Lawinen
03: Der Straßentakte: Trams auf Eisenschienen
04: Automobile und den Menschenmüll.

05: Die Menschen rinnen über den Asphalt,
06: Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
07: Stirne und Hände, von Gedanken blink,
08: schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

09: Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
10: Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
11: Und lila Quallen liegen - bunte Öle;

12: Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen.-
13: Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
14: Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.

Lars Krüsand,

Der Schmerz kommt von innen
Das Problem der Tendenz zu Ressentiments und Oberflächlichkeit im Expressionismus

Boldts Gedicht „Auf der Terrasse des Café Josty“ ist ein gutes Beispiel für zwei Probleme der Literatur des Expressionismus, die allerdings zusammenhängen.

Da ist zum einen der Vorrang der Innenwelt gegenüber der Außenwelt, was in der Epochenbezeichnung schon gut sichtbar wird: „Expression“ ist eben primär „Aus-Druck“. Es geht um die Gefühle, die sich im Inneren des Menschen aufstauen und allein schon durch ihre Intensität den Charakter des Ressentiments bekommen.

Solche Gefühle verselbstständigen sich dann leicht und verlieren den Blick auf die Gänze der Wirklichkeit, wachsen sich aus zu Vorurteilen. So werden Ressentiment und Oberflächlichkeit zu Kennzeichen zumindest eines Teils der expressionistischen Gedichte.

Schauen wir uns das mal genauer in diesem Gedicht an:

Die in den ersten drei Zeilen beschriebenen Eindrücke, die man von einem Café aus beim Blick auf einen verkehrsreichen Platz haben kann, sind nachvollziehbar. In der vierten Zeile aber präsentiert das Lyrische Ich eine ungeheuerliche Behauptung, nämlich dass sich auf diesem Platz genauso wie Straßenbahnen und Automobile auch „Menschenmüll“ zeige.

Natürlich kann man jetzt einwenden, dass es dem Lyrischen Ich so vorkomme, dass die Menschen auf diesem großen Platz genauso erscheinen wie Müll. Das ändert aber nichts daran, dass das Lyrische Ich in diesem Fall direkt von „Menschenmüll“ spricht, das also aus seiner Sicht so ist. 

Hier hat man schon beides: Ressentiment, also ein zwar energiegeladenes, aber eben auch ins Unsägliche übertriebenes Gefühl und zugleich eine schon dreiste Oberflächlichkeit, denn dieser Café-Literat (dieser Gruppe fühlt sich das Lyrische Ich und mittelbar auch der Autor wohl zugehörig) hat anscheinend nicht die geringste Ahnung von den Menschen, die da versuchen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder auch nur ein bisschen Freude und Entspannung in ihr Leben zu bringen.

Interessanterweise ist das Gedicht in der zweiten Strophe dann sehr viel weniger extrem: Es ist zwar immer noch davon die Rede, dass Menschen „über den Asphalt“ „rinnen“, aber sie werden als „ameisenfleißig“ und „wie Eidechsen flink“ beschrieben. Was das jetzt mit „Müll“ zu tun haben soll, wird nicht weiter geklärt. Zur Oberflächlichkeit mancher expressionistischer Gedichte kommt offensichtlich auch noch eine gewisse Flüchtigkeit der Gedankenentwicklung, die Widersprüche nicht einmal erkennt, geschweige denn auflöst.

Ab Zeile 11 kommt dann der Weg ins nächste „Ressentiment“: Nachdem das Lyrische Ich sich kurzzeitig bei „Nachtregen“ ein wenig erholt und den Fledermäusen zugeschaut hat, sieht es offensichtlich Benzinflecken auf der Straße, die sich durch die fahrenden Autos zerteilen und damit auch vermehren. Dass sie dabei auch kleiner werden, wird nicht berücksichtigt. Dafür kommt die Assoziation mit „lila Quallen“, was ebenfalls offensichtlich nur negativ konnotiert (gemeint) ist. Am Ende dann der Sprung in den großen, aber in keiner Weise hergeleiteten oder begründeten Vergleich mit „Eiter einer Pest“.

Halten wir fest: Das Gedicht präsentiert ziemlich unreflektiert Eindrücke und Gefühle und maßt sich zumindest an zwei Stellen Urteile an, die in keiner Weise in der beschriebenen Außenwelt begründet werden. Sie werden nur assoziativ hergeleitet und zeigen an einer Stelle eine Menschenverachtung, die sich das Gedicht selbst zurechnen lassen muss. Die Bezeichnung der Leute auf dem Platz als „Menschenmüll“ wird in keiner Weise relativiert, sie bleibt wie ein dunkler Fleck am Lyrischen Ich selbst hängen – und sie passt nicht einmal zu dem, was etwas später im Gedicht über die Menschen gesagt wird. Müll ist nicht „ameisenfleißig“ und auch nicht „wie Eidechsen flink“.

Es lohnt sich wohl, den expressionistischen Dichtern etwas stärker auf die Finger zu schauen – nicht von ungefähr gehörten viele von ihnen zu denen, die recht begeistert in das Abenteuer des Krieges zogen und Gottfried Benn, der einem Lyrischen Ich in „Schöne Jugend“ doch ein ziemliches Maß an Todes- und Leichenbegeisterung gestattet, hat ja zumindest eine gewisse Zeit sogar mit dem Nationalsozialismus sympathisiert.

Zum Thema „Expressionismus und Kriegsbegeisterung“ noch ein paar Anmerkungen, denen man im Internet folgen kann
http://kultur-wissenschaft.de/themen/expressionismus/intro.php

Und Georg Heym drückt noch vor dem Ausbruch des Krieges aus, was viele Intellektuelle fühlten:
„Ach, es ist furchtbar. Es ist immer das Gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig“, notiert Heym am 6. Juli 1910 in seinem Tagebuch. „Wenn doch einmal etwas geschehen wollte. Sei es auch nur, dass man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie die Leimpolitur auf alten Möbeln.“
(zitiert nach: https://www.deutschlandfunk.de/erster-weltkrieg-vorahnungen-vom-menschenschlachthaus.1148.de.html?dram:article_id=305253)

Zum Thema „Gottfried Benn und der Nationalsozialismus“
https://www.deutschlandfunk.de/antidemokrat-gottfried-benn.700.de.html?dram:article_id=82768

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Anmerkung:
Dieser Text wurde im Rahmen eines Lyrik-Workshops erstellt und uns vom Verfasser freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

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