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Mahmood Falaki, "Geburtstag"


Anmerkungen zu Mahmood Falakis Kurzgeschichte "Geburtstag"

Wir möchten hier eine Geschichte empfehlen, weil man an ihr schön zeigen kann, welche Voreinstellungen das Zusammenleben von Menschen erschweren können und wie man damit vielleicht positiv umgehen könnte.
Es geht um die Kurzgeschichte "Geburtstag" aus dem Sammelband "Ich bin Ausländer und das ist gut so" von Mahmood Falaki, erschienen im Sujet-Verlag in Bremen 2013 (S. 34-36).

Überblick über die Erzählschritte

  1. Die Geschichte beginnt damit, dass der Ich-Erzähler die Begeisterung schildert, mit der seine 7jährige Tochter in die einfahrende U-Bahn stürzt, die sie ihrer Geburtstagstorte näherbringen wird.
  2. Im nächsten Schritt geht es um die misslingende Kommunikation zwischen dem begeisterten Kind und einer Frau, "die steif vor ihr sitzt" und nicht reagiert. Interessant ist, dass der Erzähler selbst die Situation damit erklärt, dass die Frau möglicherweise ihre Sprache nicht versteht und auch nicht weiß, warum das Kind so aufgeregt ist.
  3. Als nächstes geht es um die Reaktion der etwa 50jährigen Frau, die aus irgendeinem Grund keine Kommunikation oder Interaktion möchte und in eine Art Abwehrhaltung hineingeht. In dem Zusammenhang wird vom Erzähler hervorgehoben, wie "sauber" und "akkurat" alles bei ihr ist.
  4. Der nächste Schritt gehört dann wieder dem Mädchen, das der Frau seine Schuhe hinhält und auf persisch - wie der Leser jetzt erfährt, dass die gerade gekauft worden sind.
  5. Interessant ist dann, dass das Mädchen das auf Deutsch wiederholt und damit einen Schritt auf die Frau zugeht.
  6. Diese reagiert auch mit dem Versuch eines Lächelns, das aber aus Sicht des Erzählers nur ein "Zucken" ist.
  7. Spannend ist die Stelle, wo der Ich-Erzähler davon spricht, dass die Frau unter der "Last" seines Blickes offensichtlich immer noch nicht in der Lage ist, in seinem Sinne richtig zu reagieren.
  8. Auch der Leser wünscht sich das sicherlich - aber niemand weiß, warum die Frau so wenig kinderfreundlich reagiert. Vielleicht hat sie Angst vor fremden Menschen oder hat gerade ihren Mann verloren oder steht vor einer gefährlichen Operation.
  9. Der zweite Teil der Geschichte spielt dann nach dem nächsten U-Bahn-Halt. Da steigt nämlich eine junge Frau mit einem Hund ein, der es sich auf den Schuhen des Erzählers gemütlich macht.
  10. Jetzt passiert das, was den Ich-Erzähler anscheinend empört: Die Frau, die eben noch nicht angemessen reagieren konnte, streichelt jetzt den Hund und kann dabei auch ganz "sanft" sein.
  11. Die Geschichte endet damit, dass die Tochter die ganz andere Reaktion sicher sehr verständnislos und irritiert wahrnimmt und auch noch nach dem Aussteigen auf die Hände der Frau schaut, die liebevoll mit dem Tier umgehen, was ihr nicht als kleinem Menschen nicht gegönnt worden ist.

Zur Interpretation der Geschichte

  1. Zunächst einmal sollte das Selbstverständliche festgestellt werden, nämlich dass einem das Kind leid tun kann wie jedes andere, das eine Situation nicht richtig einschätzen kann und dann enttäuscht oder sogar verletzt ist.
  2. Seltsam aber ist das Verhalten  des Ich-Erzählers, der als Vater eigentlich eingreifen müsste, um seiner Tochter die Situation zu erklären.
  3. Aber leider scheint die Geschichte darauf angelegt zu sein, diese Frau zu kritisieren, als einen schlechten Menschen darzustellen, der einen Hund mehr mag als ein kleines Kind.
  4. Ganz schlimm ist dann, wenn beim Leser noch Assoziationen hochkommen zu dem Vorwurf, die Deutschen bräuchten einen Hund zum Menschsein, wie es zum Beispiel die FAZ am 23.04.2018 in einem Artikel im Internet thematisiert hat:
    https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/warum-die-deutschen-den-hund-zum-menschsein-brauchen-15554132.html
  5. Das mag nicht die Intention des Verfassers sein, aber er muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er den Vater in der Geschichte nicht positiv eingreifen lässt. Und während man vom Innenleben der Frau nichts weiß, macht die Geschichte deutlich, wie intensiv der fiktive Vater das Geschehen wahrnimmt.
  6. Wenn man dann noch sieht, dass diese Geschichte von Mahmood Falaki auf einem Buch stammt, das den provozierenden Titel trägt: "Ich bin Ausländer und das ist auch gut so" (Bremen 2013, S. 34-36), fragt man sich schon, was für ihn wichtiger ist, die Klassifizierung als Ausländer oder eben als Deutsche oder die Verständigung zwischen Menschen über alle Schranken hinweg.
  7. Aber die Geschichte selbst enthält keinen expliziten Hinweis auf solche Zusammenhänge, von daher wollen wir einfach feststellen, dass die Geschichte drei Dinge zeigt:
    1. Kinder kennen unglaubliche Glückszustände und möchten die mit allen teilen.
    2. Es gibt Menschen, die da nicht mitgehen wollen oder können. Besonders im ersten Falle ist das sehr bedauerlich.
    3. Dann gibt es Väter, denen das Glück ihres Kindes so am Herzen liegt, dass sie kein Verständnis mehr für Menschen haben, die da nicht mitgehen und das sogar mit der "Last" ihres Blickes kund tun.
    4. Offensichtlich sind sie dann nicht mehr in der Lage zu vermitteln. Vielleicht hätte sich dann herausgestellt, dass dem Glückstag des Kindes ein Unglückstag bei der Frau gegenüberstand, der es ihr nur möglich machte, ihre Gefühle auf einen Hund zu beziehen.
    5. Auf jeden Fall gibt es keinen moralischen Anspruch auf die Freundlichkeit eines Menschen - das sagt die Geschichte offensichtlich anders und darüber kann gut diskutiert werden.
    6. Damit soll der möglicherweise in der Kurzgeschichte enthaltene Hinweis auf Ausländerfeindlichkeit nicht weggewischt werden, aber es geht doch darum, den Blick zu öffnen, dass Menschen mehr sind als nur Deutsche oder Ausländer. So haben beide Seiten die Aufgabe, auf den anderen zuzugehen. In der Geschichte hat nicht nur die Frau in diesem Punkt versagt.
    7. Mit dem Autor würden wir jedenfalls gerne ein Gespräch führen, warum er offensichtlich in Deutschland es für besonders "gut" ansieht, "Ausländer" zu sein. Dafür kann es schließlich gute Gründe geben. Wie schön wäre es gewesen, wenn die in der Geschichte auch sichtbar würden.

Kreative Anregungen

  1. Man könnte die Geschichte aus der Perspektive der Frau erzählen. Dabei wäre es aber schön, wenn dabei eine menschliche und keine ausländerfeindliche Erklärung für ihr Verhalten sichtbar würde. Schließlich wollen wir keine Vorurteile befördern.
  2. Man könnte die Geschichte weiterschreiben, indem zunächst der offensichtlich verärgerte Vater seiner Tochter hinterher so etwas sagt wie "Tja, so sind die Deutschen!"
  3. und sie auf dem Heimweg der Frau noch einmal begegnen und sehen, wie sich gerade sehr freundlich mit einem Menschen mit Migrationshintergrund unterhält. Das ist dann die Basis für ein Gespräch, bei dem deutlich wird, dass die Reaktion auf die gezeigten Schule der Situation geschuldet war und eher Hilflosigkeit ausdrückte. Vielleicht hat das kleine Kind die Frau sogar an eine Enkelin erinnert, die gerade beerdigt worden ist.

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