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redeanalyse-teil6


6. Wie erkennt man die rhetorischen Mittel und bestimmt die entsprechende Eigenart der Rede?

Zunächst die Lösung der letzten Aufgabe: Die restlichen Ziele des Redners
1.    die SPD gegenüber dem Vorwurf verteidigen, sie mache Deutschland im Ausland schlecht
2.    ein Angebot für eine sachliche Unterstützung guter Politik machen,
3.    auf die positiven Leistungen der SPD in der Vergangenheit hinweisen
4.    auf die Macht aufmerksam machen, die der SPD geblieben ist, nämlich das Rechtsbe-wusstsein
5.    Der eigenen Seite mit dem Hinweis auf eine überwundene Krise in der Vergangenheit und eine bessere Zukunft Mut machen, vor allem die Verfolgten und Bedrängten zumin-dest psychologisch unterstützen

Versuch einer nochmaligen Zusammenfassung
Insgesamt hat diese Rede die Absicht:
1.    die eigene Seite, d.h. sich und die SPD in Schutz zu nehmen gegen Vorwürfe und auf Leistungen zu verweisen,
2.    Auf Probleme des Gesetzentwurfs und der aktuellen Politik der Gegenseite aufmerksam zu machen und die Ablehnung zu begründen – hierzu gehört auch ein Angebot zu sachli-cher Zusammenarbeit, die das Ermächtigungsgesetz überflüssig machen würde,
3.    Stellung zu beziehen zur aktuellen Gesamtsituation der Partei angesichts einer herauf-ziehenden Diktatur – dazu gehört auch der Versuch, die Verfolgten zu trösten und der eigenen Partei Mut zu machen.

Nun zum Thema dieser Sequenz: Die Herausarbeitung der Mittel
Mit am meisten gefürchtet von Schülern sind die so genannten künstlerischen (oder in die-sem Falle: rhetorischen) Mittel, die es in Texten zu entdecken gilt. Das hängt zum einen da-mit zusammen, dass es hier Jahrhunderte lang Forschungsbemühungen gegeben hat – am Ende standen dann dicke Handbücher, in denen fast jedem Phänomen ein Name (möglichst noch auf Lateinisch) gegeben wurde.
Zum anderen führt das auch dazu, dass man immer auf der Suche nach irgendwelchen exoti-schen Mitteln und ihren Namen ist, wo es doch eigentlich erst einmal nur darum geht, zu erkennen, welche Mittel der Redner verwendet und wie er seiner Rede möglichst zum Erfolg verhilft. Deshalb geht es auch bei diesem Punkt nicht nur um einzelne Mittel, sondern vor allem um die Grundidee, mit deren Hilfe er versucht, seine Position zu verbessern und seine Ziele zu erreichen.

Zu diesen allgemeinen rhetorischen Tricks gehören die schon genannten Methoden, den Gegner abzuwerten, die eigene Position und Gruppe aufzuwerten und möglichst von allem abzulenken, was Probleme machen könnte. Hieran merkt man schon, dass vor der Wahl dieser Mittel eine noch grundsätzlichere Entscheidung liegt: Will ich eher sachlich für meine Position mit Argumenten werben (also eher „überzeugen“) – oder will ich eher mit allen Mitteln Stimmung machen (also eher „überreden“). In der Wirklichkeit wird natürlich manchmal das eine mit dem anderen verbunden, aber die Grundunterscheidung ist schon sehr wichtig.
Gehen wir im Folgenden einfach einmal von unserer Beispielrede aus und schauen uns an, wie Wels mit rednerischen Mitteln versucht, seine Position zu verbessern und seine Ideen zum Tragen zu bringen.

Die Mittel, mit denen Wels arbeitet:
  1. Ganz am Anfang kommt zunächst einmal das Mittel der Überraschung, zugleich der „captatio benevolentiae“, d.h. man versucht, das Wohlwollen der Zuhörer zu erreichen – man könnte auch in heutiger Umgangssprache sagen: „fishing for compliments“: Dieses Mittel ist insofern ganz entscheidend, als es zu einer besseren Atmosphäre beiträgt, die das Zuhören erleichtert und ein Aufeinanderzugehen bewirken kann.
  2. Ein zweites Mittel ist das des Einbaus von Zitaten, hier nicht von irgendwelchen Größen der Geschichte, sondern solche der Gegenseite, die man dann zu seinen Gunsten auslegt.
  3. Eine etwas andere Funktion hat die Wendung: "Wir sind wehrlos, wehrlos ist aber nicht ehrlos.“ (16/17), das ist ein Wortspiel, das im Gedächtnis haften bleibt und somit lange nachwirken kann.
  4. Auch Pathos, d.h. Leidenschaftlichkeit verwendet der Redner nach eher ruhigem Beginn, wenn er sagt: „Aber dass dieser Versuch der Ehrabschneidung einmal auf die Urheber selbst zurückfallen wird, da es nicht unsere Ehre ist, die bei dieser Welttragödie zugrun-de geht, das ist unser Glaube bis zum letzten Atemzug." (18-21).
  5. Ein weiteres Mittel findet sich z.B. in dem folgenden Zitat: „Mag sich die Regierung gegen rohe Ausschreitungen der Polemik schützen, mag sie Aufforderungen zu Gewalt-taten und Ge¬walttaten selbst mit Strenge verhindern. Das mag geschehen, wenn es nach allen Seiten gleichmäßig und unparteiisch geschieht und wenn man es unterlässt, besieg-te Gegner zu behandeln, als seien sie vogelfrei.“ Dieses Mittel nennt man Parallelismus, wobei das zweite „mag“ dann sogar ein drittes Mal noch aufgenommen wird.
  6. Wie eine Sentenz, d.h. ein Sinn- und Leitspruch wirkt der Satz: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Auch dieser Satz hat das Zeug dazu, im Ge-dächtnis haften zu bleiben.

Nachdem wir jetzt an den ersten 30 Zeilen gezeigt haben, welche gedanklichen (strategi-schen) und welche rhetorischen (taktischen) Mittel Wels verwendet hat, sollten wir einmal eine Liste von Mitteln präsentieren, deren Namen man kennen sollte und auf die hin man Reden überprüfen sollte. Allerdings sollte man - wie man an unseren Beispielen gut sehen kann – immer prüfen, ob ein solches Mittel auch für die Rede wichtig ist. Es geht nicht da-rum, möglichst viele Mittel zu finden, sondern sie in ihrer wichtigen Funktion zu zeigen.

Liste rhetorischer Mittel
Im Folgenden präsentieren wir eine Auswahlliste wichtiger rhetorischer Mittel, wobei wir uns bemüht haben, sie nicht einfach aufeinanderfolgen zu lassen. Vielmehr unterscheiden wir zunächst zwischen den strategischen Mitteln (Aufwertung, Abwertung, Beschwichti-gung) und den taktischen Finessen, das sind die vielen kleinen Mittel, die man sich mehr oder weniger einprägen muss. Aber auch hier ist wichtig, auf die Funktion zu achten, deshalb bilden wir entsprechende Gruppen, was die Verwendung erleichtert.

Die „großen“ Mittel des Redners, die fast schon Ziele sind

Rhetorische Mittel zur Aufwertung des eigenen Standpunktes
  • die Zuordnung positiver Attribute zur Absendergruppe
  • die Hervorhebung eigener positiver Seiten
  • die Übersteigerung eigener Verdienste
  • die Koppelung des eigenen Standpunktes mit positiven Werten
  • eigene Fehler werden anderen oder den Umständen zugeschrieben
  • eigene Ziele werden durch wenig konkrete Beispiele positiv verallgemeinert
  • eigennützige Ziele werden als uneigennützig ausgegeben
  • zur Bestätigung des eigenen Standpunktes werden unverfängliche Zeugen aufgeboten
  • der Leser wird zur Identifikation aufgefordert

Gruppe II: Rhetorische Mittel zur Abwertung des gegnerischen Standpunktes
  • - die Zuordnung negativer Attribute zum Gegner
  • - die Hervorhebung negativer Seiten
  • - usw.   (d.h. Umkehrung der oben angeführten Merkmale)

Gruppe III: BESCHWICHTIGUNG
-  Hinweis auf die alles verbindende Gemeinschaft
-  die Bekundung von Verständnis
-    das Verschweigen von Widersprüchen

Beispiel aus dem Schulalltag
Im Folgenden wollen wir die drei strategischen Mittel einmal an einem Beispiel aus dem Schulalltag erläutern:
Da gibt es etwa Probleme in einem Kurs, der Lehrer hat die Intention, seine vielleicht vor-handene Mitschuld (mangelhafte Vorbereitung) von sich abweisen und Kritik zum Schweigen zu bringen.
Sein strategisches Mittel ist die Abwertung der Schüler, als taktisches Detailmittel wählt er die pauschale Schuldzuweisung an die Gegenseite: „Ihr gebt euch einfach nicht genug Mühe!“
Dieses Beispiel zeigt noch einmal, dass man nicht vorschnell Aufwertung, Abwertung und Beschwichtigung als zentrale Ziele, Intentionen nehmen soll, meistens sind das Mittel, die einem größeren Ziel dienen, das sich aus der Situation ergibt – wie unser Beispiel zeigt.

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Detail-Mittel des Redners – im größeren Wirkungszusammenhang

Versuche, die Zuschauer für sich und die eigenen Gedanken einzunehmen
  • Anrede    Anrede dritter Personen, Einbeziehung der Zuhörer ("wir", Beschwörung "Jetzt gib mir einen Menschen, gute Vorsicht!")
  • Rhetorische Frage    Frage, auf die keine Antwort erwartet wird ("Was ist gewisser als des Menschen Ende?")
  • Zitat    Um die eigene These zu stützen, kann man Aussprüche von "Autoritäten" zitieren. ("Auch Goethe wusste schon...")
  • Ellipse    Auslassung eines (oder mehrerer)für die vollständige syntakti-sche Konstruktion notwendigen Worts, das aber aus dem Sinn-ganzen leicht erkennbar ist. ("Was (machen wir) nun?"
  • Anspielung    Man verweist andeutungsweise auf etwas, was der Zuhörer aufgrund gemeinsamen Wissens selbständig erschließen kann.
  • Ironie    Verstellung, die durchblicken lässt, dass sie um den wahren Sachverhalt weiß ("Das ist ja eine schöne Bescherung!")

  • Anordnungsmuster, die die eigenen Gedanken möglichst wirkungsvoll präsentieren sollen
  • Exkurs    Ereignisse, die nicht unmittelbar zur Sache gehören, werden in die Rede hineingenommen
  • Vorgriff    Man verweist schon auf etwas, was später kommt.
  • Rückgriff    Man verweist auf etwas, was schon erwähnt worden ist.
  • Scheindefinition    Unter dem Vorwand, einen Begriff erklären zu wollen, gibt man eine Definition im eigenen Sinne
       
Bemühen um Verschönerung der Darstellung der eigenen Gedanken
  • Metapher    Ein Wort oder eine Wortgruppe werden aus dem gewohnten Bedeutungszusammenhang auf einen anderen übertragen. Me-taphorische Redeweise ist nicht an ein Wort gebunden, sondern kann sich auf einen Satz, sogar auf Redezusammenhänge er-weitern. ("Drahtesel")
  • Metonymie    Namensvertauschung, Umbenennung: Ersetzung des eigentli-chen Worts durch ein anderes, das zu ihm in Beziehung steht, z.B. konkret für abstrakt ("Lorbeer" oder "Tasse trinken")
  • Periphrase    Umschreibung eines Begriffs durch mehrere Wörter ("Auge des Gesetzes")
  • Synonymie/Alliteration    Gleichnamigkeit; sinnverwandte Wörter, deren Bedeutung sich weitgehend deckt ("Haus und Hof", zugleich Alliteration, d.h. gleicher Anfangslaut)
  • Litotes    Verstärkte Hervorhebung durch Verneinung des Gegenteils („nicht unschön")
  • Veränderte Wort- und Satzstellung, z.B. Chiasmus    Symmetrische Überkreuzstellung von syntaktisch oder bedeu-tungsmäßig einander entsprechenden Satzgliedern ("Die Kunst ist lang und kurz ist unser Leben!")
  • Oxymoron    Pointierte Verbindung zweier einander widersprechender, sich gegenseitig ausschließender Begriffe ("beredtes Schweigen")
  • Paradoxon und Anti-these    Scheinbar widersinnige Behauptung, die sich jedoch als richtig erweist ("Eng ist die Welt, doch das Gehirn ist weit.")
  • Zeugma    Verbindung mehrerer gleichgeordneter Wörter mit einem an-deren, ihnen syntaktisch übergeordneten Wort, das seiner ge-nauen Bedeutung nach nur zu je einem der Wörter passt. ("Er hob den Blick und ein Bein gen Himmel.")
  • Oder: Hyperbaton    Künstliche Trennung einer zusammenhängenden Wortgruppe ("Vater habe ich uns Mutter verloren!")
  • Anapher    Wiederholung desselben Wortes oder derselben Wortgruppe am Anfang mehrerer aufeinanderfolgender Verse oder Sätze ("O Mutter! Was ist Seligkeit? O Mutter, was ist Hölle?")

  • Hervorhebung, Betonung des besonders Wichtigen
  • Reihung    Aussagen werden zusammengestellt, um Totalität zu erreichen.
  • Klimax    Anordnung einer Wort- oder Satzreihe nach stufenweiser Stei-gerung im Aussageinhalt ("Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind!")
  • Hyperbel    Übertreibung eines Ausdrucks im vergrößernden oder verklei-nernden Sinn ("blitzschnell")
  • Emphase    Nachdrückliche Betonung, z.B. als Ausruf oder in Umstellun-gen
  • Euphemismus    Umschreibung eines negativen Sachverhalts durch einen be-schönigenden Ausdruck ("Hinscheiden")

Aufgabe:
1.    Schau dir den Rest der Rede noch einmal an und versuche weitere Mittel zu finden.
2.    Am Ende kommt es darauf an, das Gefundene – ähnlich wie bei der Intention - möglichst zusammenzufassen und die wichtigsten Mittel hervorzuheben, die Wels verwendet.



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